Im rechtsextremen Denken kommt der Familie eine zentrale und vielschichtige Bedeutung zu. In ihrer heteronormativen, autochthonen Form wird sie als Grundpfeiler der Gesellschaft verstanden und spielt somit eine zentrale Rolle bei der Erhaltung und Weitergabe rechtsextremer Ideologie. Sie wird nicht nur als Ort der Tradierung rechtsextremer Werte an nachfolgende Generationen begriffen, sondern auch als Gegenbild zu einem Staat, der sich – insbesondere im Bereich der Bildung – zu sehr in private Angelegenheiten einmische; als Rückzugsort, in dem traditionelle Werte gegen gesellschaftlichen Wandel verteidigt werden können, und als Rettungsinstanz gegenüber dem imaginierten ,Großen Austausch‘ der Kulturen. Darüber hinaus fügen sich rechtsextreme Narrative, die die sinkende Geburtenrate der ,einheimischen‘ Bevölkerung mit den angeblich hohen Geburtenraten von Migrantenfamilien oder der Pluralisierung von Familienkonzepten wie Regenbogenfamilien kontrastieren, in eine rassistische Agenda ein, die diese Entwicklungen als Bedrohung für den nationalen und ethnischen Erhalt darstellt. Dies unterstreicht, wie eng rechtsextreme Politik mit familienpolitischen Agenden verwoben ist und wie gesellschaftliche Diskurse um die Familie in den letzten Jahrzehnten zunehmend von der extremen Rechten geprägt wurden.
Am Beispiel der österreichischen Identitären und ihrer Nachfolgeorganisation Die Österreicher, insbesondere anhand von Social-Media Beiträgen des ehemaligen Leiters Martin Sellner, werden im Folgenden zentrale gegenwärtige Familiendiskurse einer modernisierten, extrem rechten Gruppierung analysiert. Die Analyse zeigt, dass – wenig überraschend – Familialismus, verstanden als politische Haltung, die die Familie und hier konkret die heterosexuelle, patriarchale Kleinfamilie als zentrale und grundlegende Einheit der Gesellschaft erachtet, eine zentrale Rolle in rechtsextremen Ideologien spielt. Diese dienen nicht nur als identitärer Referenzpunkt, sondern strukturieren auch Narrative gesellschaftlichen Niedergangs und legitimieren die propagierten politischen Maßnahmen und vermeintlichen Lösungsmöglichkeiten. Die Skandalisierungs- und Krisenrhetorik erlaubt es ihnen, Familie zugleich als bedroht und als rettende Instanz darzustellen. Familiäre Diskurse lassen sich zudem einfach mit weiteren politischen Agenden – wie etwa Rassismus oder Queerfeindlichkeit – verknüpfen. Während Gruppen wie die Identitären ihre Ideologie und Sprache in anderen Bereichen modernisiert haben – etwa durch die Umdeutung von Rassismus in „Ethnopluralismus“ oder Antifeminismus als eigentliche Verteidigung von Frauen*rechten, ist eine vergleichbare Modernisierung in Bezug auf das Familienverständnis nicht festzustellen. Dies verweist nicht zuletzt auf die zentrale Bedeutung der weißen, patriarchalen Familie als kulturelles Schutzsymbol gegen gesellschaftliche Transformationen im Zeichen von Modernisierung und (Neo-)Liberalismus.
Für die vorliegende Analyse wurden verschiedene relevante Quellen gesichtet. Besonders aufschlussreich zeigten sich die beiden Telegram-Kanäle des ehemaligen Leiters der Identitären, Martin Sellner (Martin Sellner [Telegramelite] und Martin Sellner – Videos & Audioanalysen). Dort finden sich zahlreiche Beiträge sowie mehrere Audioanalysen zu familienpolitischen Themen. Zur genaueren Untersuchung wurden exemplarisch Beiträge ausgewählt, die umfangreiche inhaltliche Aussagen zum Thema Familie aufweisen. Da diese Beiträge vor allem tagespolitische Entwicklungen kommentieren und grundlegende ideologische Aspekte oft nur am Rande thematisieren, wurde das Quellenkorpus um ergänzende Materialien erweitert, etwa Selbstbeschreibungen auf der Website der Organisation Die Österreicher und deren Fünf-Punkte-Programm. Aufbauend auf früheren Arbeiten wurden auch nicht mehr online verfügbare Texte aus identitären Portalen, Videoblogs von Kadern und Aktivist*innen sowie politische Botschaften aus Aktionen und Kampagnen berücksichtigt.
Die Familie als Keimzelle der Gemeinschaft und Verbindung zwischen Individuum und „Volk“
Wie frühe Texte der Identitären verdeutlichen, fungiert Familie in ihrer Ideologie als „Keimzelle jeder Gemeinschaft“ sowie als Bindeglied zwischen Individuum und „Volk“: „Das, was für den Einzelnen seine Familie ist, ist für die Familien das Volk als nächsthöhere Gemeinschafts- und Verwandtschaftsebene.“ Die Formel ,von der Familie über die Gemeinschaft zum Volk‘ beschreibt somit das rechtsextreme Verständnis von Familie als fundamentaler sozialer Einheit, die durch die Gemeinschaft gestützt und im „Volk“ vollendet wird. Das Volk wird als homogene nationale und ethnische Einheit verstanden, die vor äußeren Einflüssen geschützt werden müsse. Diese Hierarchie zielt auf die Bewahrung ethnischer und kultureller Identität durch traditionelle Strukturen ab. In diesem Sinne stellt auch Andresen fest: „‚Wir‘ und die anderen: Um die Idee eines einheitlichen ‚Wir‘, die Idee des homogenen Volkes, einer homogenen Gemeinschaft konkretisieren zu können, wird auf die starke Kernfamilie verwiesen. Sie ist auch das Gegenmodell zum individualisierten modernen Menschen der globalisierten Gesellschaft.“
Politisch bedeutet dies Maßnahmen zur Förderung traditioneller Familienformen sowie pronationalistische Politik zur Erhaltung ethnischer Homogenität. Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass der Begriff „Familie“ im ausgewählten Quellenkorpus – in dem dieser Diskursstrang nur implizit anklingt – ausschließlich im Zusammenhang mit weißen europäischen Familien verwendet wird. Familien von Geflüchteten oder Personen mit Migrationsgeschichte spielen entweder keine Rolle oder werden als bedrohliche Clans dargestellt.
Familien als Opfer
Auch bei der Konstruktion von Bedrohungs- und Angstszenarien spielt die Familie eine Rolle, indem autochthone Familien als Opfer von „Multikulturalismus“, der „Globohomo-Agenda“ oder vermeintlich fehlgeleiteter Familienpolitik inszeniert werden. Besonders wenn es um Kinder geht, betonen sowohl Die Österreicher als auch Martin Sellner, wie sehr Familien unter dem imaginierten „Großen Austausch“ zu leiden hätten – etwa, wenn weiße Kinder in Schulklassen in der Minderheit seien oder Eltern Übergriffe durch als fremd etikettierte Täter befürchten müssten. „Immer weniger Deutsche wollen wegen dieses Horrors noch Kinder und Familie haben. Das macht alles schlimmer.“ Sellner betont außerdem, dass er froh sei, dass sein erstes Kind ein Sohn ist, weil er ihm beibringen könne, sich zu verteidigen. Wer sich selbst schützen könne, sei kein Opfer. Die Österreicher beziehen sich vor allem auf die Situation an Schulen: „Dort sind österreichische Kinder meist in der Minderheit und müssen mit andauernden Schikanen und Mobbing rechnen. Besonders in der Zeit des Ramadans kommt religiöser Druck dazu: Wer tagsüber isst oder trinkt, wird schnell vor der ganzen Klasse gedemütigt. Österreichische Mädchen und Mädchen ohne Kopftuch werden als ,ungläubige Schlampen‘ betrachtet.“ Dies zwinge Familien dazu, „ihre Kinder auf teure Privatschulen zu schicken oder raus aus den Städten zu ziehen. Auch dies ist teuer und aufgrund beruflicher und finanzieller Umstände nicht jedem möglich.“
Die gewählten Zitate zeigen, wie versucht wird, Bedrohungsszenarien zu konstruieren und familienpolitische Themen mit rassistischen Narrativen zu verknüpfen. Der Verweis auf vermeintlich gefährdete Familien wirkt dabei als wirkmächtiges Narrativ und als „Türöffner in verschiedene gesellschaftliche Kontexte und Diskursarenen“, da aktuelle Herausforderungen an Schulen (wie überfüllte Klassen oder ein hoher Anteil von Kindern mit geringen Deutschkenntnissen) von vielen Menschen als belastend erlebt werden. Die Österreicher benennen nicht nur Schuldige, sondern präsentieren scheinbar einfache (rassistische) Lösungen.
Zerstörung der Familie durch „Umerziehung“
Familie spielt auch an der Schnittstelle von Familie, Kindern und Erziehung eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Ablehnung von Bildungsinhalten, die auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt abzielen, wie sie sich unter anderem in den Angriffen auf Kinderbuchlesungen von Dragqueens zeigt. Konzepte der Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik werden als Bedrohung für die ,natürliche Ordnung‘ von Familie und Geschlecht dargestellt und mit Kampfbegriffen wie „Genderwahn“ oder „Frühsexualisierung“ delegitimiert. Damit einher geht auch der Vorwurf der „Umerziehung“ und „Indoktrination“, häufig in Verbindung mit Forderungen nach einem Primat des Erziehungsrechts der Eltern. So beteiligten sich Die Österreicher und Martin Sellner an den Mobilisierungen gegen Kinderbuchlesungen von Dragqueens und auch auf Sellners Telegramkanal finden sich entsprechende Inhalte. So wettert er beispielsweise in einem Post mit Verweis auf ein Instagram-Video, das Schulkinder mit Regenbogenfahnen zeigt, gegen „Regenbogenpropaganda an Schulen“: „Was würde die linke Presse jaulen, wenn man das mit Nationalfahnen, patriotischen Liedern und Themen machen würde. Dann wäre es ,Indoktrination‘. Für die neue Globohomo-Religion ist aber alles erlaubt.“
In einer Audioanalyse zum Thema „Kinderschutz gegen LGTBQ – wie retten wir unser (sic!) Kinder?“ beantwortet Sellner zudem die Frage eines Unterstützers „nach konkreten Ideen, wie man die eigenen Kinder vor der Indoktrination in den Schulen schützen kann?“ Sellners 16-minütige Antwort lautet, dass dies am besten durch eine „offensive nicht-Vorbereitung“ geschehen sollte. Er hält es für besser, Kindern vielfältige Lebens- und Liebesweisen nicht zu erklären, weil das zu „Verunsicherung“ führen würde. Er spricht von drohenden „Fallstricken“ wie „Neurosen und Ticks“, die „verhindern, dass sie eine gesunde Beziehung und Familie“ haben oder bewirken, dass sie sogar sexuelle Devianzen entwickeln. Stattdessen sollten Eltern ihren Kindern Bücher mit ganz klaren Geschlechterbildern, „starke positive Frauen und Männergestalten, mit denen sie sich identifizieren können“ zeigen. In Bezug auf LGBTIQA+-Themen und Symbole sollten Eltern einfach nur sagen, „Das ist böse! Punkt und schlecht.“ Dabei verweist er auch auf seine Vorhaben mit seinem eigenen Sohn: „Ich würde meinem Sohn schon sehr früh sagen, dass der Regenbogen etwas Böses, Schlechtes und Hässliches ist.“ Dadurch würden Kinder ein Schutzschild entwickeln und „Lehrer werden es schwer haben, die Kinder zu indoktrinieren“.
Würden Interventionen, wie etwa an die Presse gehen, nicht funktionieren, wären auch Heimunterricht oder private Schulen denkbar. Eltern sollte es jeder Cent wert sein, ihre Kinder vor der „öffentlich-rechtlichen Gehirnwaschanlage“ zu schützen. Damit richtet sich Sellners Kritik auch gegen einen vermeintlichen „Erziehungsstaat“, der elterliche Rechte beschneide – etwa durch Sexualpädagogik. Dahinter verbirgt sich letztlich eine Delegitimierung von an Inklusion und diversity orientierten staatlichen Bildungsinstitutionen und sexueller Bildung.
Sellner erwähnt in seiner Audioanalyse zwar die Gefahr, dass Verunsicherungen dazu führen könnten, dass Kinder selbst nicht mehr in der Lage seien, Familien zu gründen, behauptet aber nicht, dass entsprechende pädagogische Ansätze Familien zerstören würden. Dies kann einerseits durch den Fokus auf Kinder in der Audio-Folge erklärt werden, andererseits aber auch dadurch, dass der Diskurs um bedrohte Kinder in den letzten Jahren deutlich mehr Wirkungsmacht entfalten konnte als jener der Zerstörung der Familien. Der Diskurs um bedrohte Kinder bietet, wie Meike Sophia Baader betont, letztlich auch „Mobilisierungsgelegenheiten gegen sexuelle Vielfalt, für Homophobie und einen neuen antifeministischen Familialismus“.
Familie als Gegenmodell zur neoliberalen Individualisierung
Aus dem Material lässt sich herauslesen, dass Familie nicht nur ideologisch aufgeladen, sondern auch als starkes Gegenmodell zur durch Modernisierung und (Neo-)Liberalismus hervorgerufenen Vereinzelung konstruiert wird. Insbesondere in seiner Rezension beziehungsweise Audioanalyse des Buchs „Die Zerstörung der Menschheit“, das Sellner als „systematische Untersuchung der Auswirkungen der Moderne auf den Menschen“ beschreibt, diskutiert er die Spannung zwischen „natürlicher Fortpflanzung“, technologischem Fortschritt und staatlicher Regulierung der Geburtenrate. Dabei stellt er die Vorstellung eines „freien Spiels der Kräfte“, wie es in der Natur existiere, einem angeblich künstlich gesteuerten, staatlichen Eingriff gegenüber. Sellner behauptet, dass auch menschliche Fortpflanzung kontrolliert werde und der Staat darauf Einfluss nehme, „wer sich fortpflanzt und welche Embryonen ausgetragen werden“. Er bringt diese Entwicklungen mit Begriffen wie „Menschenzucht“, Sloterdijks Konzept des „Menschenparks“ oder Konrad Lorenz' „Verhausschweinung“ in Verbindung und stellt die These auf, dass die menschliche Gesellschaft durch moderne Entwicklungen an „Natürlichkeit“ verliere.
Insbesondere das „Wegwerfdenken“ der Moderne würde Familienstrukturen zerstören und zu einer „Degeneration“ führen. Die Schuld dafür gibt Sellner dem technologischen Fortschritt und einer atheistischen, säkularen Lebensweise. Nur durch eine systematische Veränderung der Gesellschaft könne Familie wieder gestärkt werden. Es brauche daher strenge Ehekodizes und Gesetze, um diese Entwicklung aufzuhalten. Letztlich plädiert er dabei für eine Rückkehr zu einer vermeintlich „natürlichen“ Ordnung, um die „richtigen“ Menschen zur Fortpflanzung zu bewegen.
Familie als heroische Retterin
Besonders in älteren Texten der Identitären wird deren pronatalistische Haltung deutlich, beispielsweise wenn sie behaupten, dass Frauen durch das Gebären von Kindern den sogenannten „Großen Austausch“ verhindern könnten. Im Sinne einer „kinder- und familienfreundlichen Politik“ sollten daher die „Leistungen der Mütter“ anerkannt werden, da sie „das Fortbestehen unseres Volkes in der Zukunft garantieren“. In rechtsextremen Kreisen wird die Familie als Werkzeug im demografischen Kampf betrachtet. Hohe Geburtenraten sollen den Anteil der autochthonen Bevölkerung erhöhen, um andere Gruppen zahlenmäßig zu übertreffen.
Im Rahmen ihrer Kampagne gegen den „Großen Austausch“ thematisieren die Identitären auch die sinkende Geburtenrate: „Aufgrund der niedrigen Geburtenrate der Österreicher schrumpft die einheimische Bevölkerung jedes Jahr weiter. Aber die Gesamtbevölkerung wächst trotzdem weiter.“ Oder: „Während es immer weniger Österreicher gibt, wächst die Gesamtbevölkerung weiter.“ Dieses Bedrohungsszenario wird durch drastische Aussagen wie „Wir Österreicher sterben aus, weil wir zu wenige Kinder haben“ weiter zugespitzt. Die Kampagnenseite enthielt auch eine Grafik, die sich in das Narrativ der ,Migrantinnenfruchtbarkeit‘ einfügt: Sie vergleicht die Geburtenrate von in Österreich geborenen Müttern mit jener von in der Türkei geborenen Müttern – letztere hätten mit 2,4 Kindern pro Frau eine deutlich höhere Rate als erstere mit 1,38. Die Forderungen der Identitären unterscheiden sich kaum von jenen, die bereits aus der extremen Rechten bekannt sind: „Wir fordern eine kinder- und familienfreundliche Politik, damit unser Volk auch in Zukunft noch existiert.“
An dieser Argumentation hält auch Sellner in seiner Audioanalyse „Einwanderung verhindert deutsche Geburten“ fest, in der er ebenfalls unterstreicht, dass die Geburtenrate der autochthonen Bevölkerung unter 1 liegen würde und bei Familien mit Migrationsbiografie deutlich höher sei. In der Ankündigung seiner Analyse bemängelt er, dass wenig darüber gesprochen werde, dass sich die „Ersetzungsmigration“ auch auf einheimische Geburten auswirke: „Überfremdung ist das wirksamste ,Verhütungsmittel‘ für europäische Kinder.“ Die vorgeschlagenen Lösungen zielen daher auf Belohnungen für kinderreiche autochthone Familien ab, beispielsweise Steuerentlastungen, „Österreicher-Schulen“ und andere Vorteile. Familiengründung soll sich wieder lohnen. Das Rettungsnarrativ scheint in den letzten Jahren jedoch an Bedeutung verloren zu haben, zumindest wird es im aktuelleren Material nicht mehr erwähnt.
Familie als Widerspruch zum Aktivismus
Gleichzeitig gibt es aber auch kritische Auseinandersetzungen mit der Familie – nämlich als Widerspruch zum politischen Aktivismus. In einem der ersten Vlogs, die Sellner veröffentlichte, geht er auf das Verhältnis von Aktivismus und Familie ein. Er betont, dass es grundsätzlich gut sei, Kinder zu bekommen und Familie zu schätzen. Zugleich stellt er klar, dass gesellschaftlicher Wandel nicht durch private Entscheidungen herbeigeführt werden könne – es reiche nicht, wenn alle Patrioten zwanzig Kinder bekämen. Das sei kein politischer Akt, sondern nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Er befürchtete – wie sich in den folgenden Jahren auch tatsächlich bestätigten sollte –, dass viele Aktivist*innen ein kurzes „Feuerwerk des Aktivismus“ erleben würden, um sich dann in den „sicheren Hafen der Ehe“ zurückzuziehen und ein bürgerliches Leben zu führen. Mit aktivistischem Engagement sei dies aus mehreren Gründen unvereinbar. Der Rückzug ins „private Familienidyll“ bedeute laut Sellner, sich der historischen Verantwortung für Volk und Kultur zu entziehen und den Kindern einen „verlorenen, unentschiedenen Kampf“ zu hinterlassen, sodass dieser Rückzug letztlich egoistisch sei. Auch in diesem Zusammenhang betont Sellner immer wieder, dass nur ein kleines Zeitfenster verbleibe, um die vermeintliche Islamisierung Europas zu stoppen.
In seiner Audioanalyse „Vernichtung von Menschheit & Religion“ greift er das Verhältnis von Aktivismus und Kinderkriegen erneut auf – diesmal aber aus völlig anderer Perspektive. Familie steht nun ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Er räumt ein, dass es schade sei, wenn einzelne „berufene Kämpfer“ keine Kinder hätten – diese seien aber „absolute Ausnahmen“, weshalb er darin kein Problem mehr sehe.
Tatsächlich sollte sich Sellners frühere Einschätzung bewahrheiten: Familiengründung führte bei einigen Aktivist*innen zu einer Distanzierung vom identitären Aktivismus. Insbesondere Frauen wie Melanie Schmitz, Alina Wychera und Ingrid Weiss, die anfangs sehr aktiv waren, sind seit der Geburt ihrer Kinder kaum oder gar nicht mehr öffentlich als Aktivistinnen in Erscheinung getreten. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie sich von rechtsextremen Ideen distanziert oder sich aus der Politik zurückgezogen hätten. Vielmehr verlagert sich ihr Engagement in andere Bereiche oder politische Felder. Sellner selbst verkündete Anfang 2023 – anlässlich seines 34. Geburtstags – in einem auf Telegram veröffentlichten Video, dass seine Phase des „Aktivismus“ nun zu Ende gehe. Er wolle weder „Berufsjugendlicher“ noch „alter Knacker“ sein, sondern sich künftig auf den „Informationskrieg“ im Internet konzentrieren. Und genau das scheint er auch umzusetzen, wie seine Aktivitäten auf Telegram, anderen sozialen Netzwerken und seine Audioanalysen belegen.
Fazit
Zusammenfassend zeigt die hier geschilderte Analyse, dass der Rückgriff auf und die Instrumentalisierung der Familie durch rechtsextreme Akteur*innen mehrere Funktionen erfüllt: Sie dient der Konstruktion von Angst- und Bedrohungsszenarien, richtet sich gegen Migration und Zuwanderung, gegen Geschlechter- und sexuelle Vielfalt sowie gegen Modernisierung und neoliberale Individualisierung. Gleichzeitig fungiert die Familie aber auch als Projektionsfläche für vermeintliche (rassistische) Lösungen gesellschaftlicher Herausforderungen. Familialismus – verstanden als politische Haltung, die die Familie als zentrale und grundlegende Einheit der Gesellschaft betrachtet und mit dem Schutz von Tradition und Kultur verknüpft – nimmt damit eine Schlüsselrolle in rechtsextremen Ideologien ein.
Die Bezugnahme auf Familie bietet der extremen Rechten zahlreiche strategische Vorteile. Wie Andresen betont, sind „die Themen Kinder und Familie, Erziehung und Bildung […] geeignet für ideologische Aufladung“ und fungieren zudem als Einstiegspunkt, da sie „letztlich alle betreffen“. Auch wenn grundlegende ideologische Aushandlungen zum Thema im untersuchten Material eine untergeordnete Rolle spielten, bietet es doch aufschlussreiche Einblicke in die Art und Weise, wie die Akteur*innen mit der Konstruktion von Angstbildern (Erschwernisse beim Familienaufbau, Bedrohung von Kindern, Gefährdung des Fortbestehens der ,einheimischen‘ Bevölkerung durch sinkende Geburtenraten) ihre Ideologie und dazugehörige Lösungsangebote propagieren. „Themen wie Familie, Kindheit und Sexualität, die in der Moderne stark emotional aufgeladen sind“, können zudem, wie Baader hervorhebt, besonders effektiv für politische Emotionalisierung genutzt werden. Ein weiterer Vorteil für rechte Akteur*innen ergibt sich aus der Möglichkeit, familialistische Diskurse mit anderen politischen Agenden zu verknüpfen – beispielsweise im Bereich Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftspolitik. Über die Figur der bedrohten Familie lassen sich diese Positionen mit migrationsfeindlichen Haltungen verbinden. Darüber hinaus bieten Bedrohungsdiskurse rund um Kinder und elterliche Rechte Anknüpfungspunkte zur Verbreitung queerfeindlicher Einstellungen, etwa in rhetorischen Angriffen auf die sogenannte „Globohomo-Agenda“ oder in der Ablehnung von Dragqueen-Lesungen.
„Der Rückzug auf das ideologisch vermessene Terrain von Bildung, Familie und Geschlecht verspricht“, wie Meyer betont, „die Schaffung von Ordnung, Sicherheit und Kontrolle im Privaten, das zuvor durch Krisenrhetorik als bedroht konstruiert wurde“. Durch eine solche Rahmung von Familienpolitik gelingt es der extremen Rechten, nicht nur eine Vielzahl gesellschaftlicher Themen zu adressieren, sondern zugleich ihr ideologisches Fundament zu festigen. Die Krisenrhetorik stützt dabei implizit traditionelle Geschlechterrollen und zieht eine scharfe Grenze zwischen dem nationalen ,Wir‘ und dem fremden ,Anderen‘. Familie, Kindheit und Geschlecht fungieren so als „Ordnungskategorien“, mit denen bestehende Machtverhältnisse abgesichert werden sollen. Die Familie wird durch rechte Gruppierungen als Bollwerk gegen politischen Liberalismus und gesellschaftliche Modernisierung positioniert und als ideologische Projektionsfläche genutzt, um anti-emanzipatorische, rassistische, queerfeindliche und nationalistische Positionen zu stärken.
Ein Blick auf gegenwärtige Diskurse zeigt, dass sich das Familienbild der extremen Rechten inhaltlich nicht modernisiert hat. Zwar wurden zahlreiche Aspekte der ideologischen Kommunikation angepasst – etwa durch den Gebrauch digitaler Medien, jugendaffine Sprache oder strategische Rhetorik –, doch halten Akteur*innen wie die Identitären, Die Österreicher oder Martin Sellner nach wie vor an einem starren, traditionellen Familienbild fest. Während sie ihre Sprache an aktuelle Debatten zu Migration, Sexualpädagogik, LGBTIQA+-Rechten oder Dragqueen-Lesungen anpassen, bleibt der ideologische Kern des konservativen Familienbilds unangetastet: Ihr Familienideal ist strikt heteronormativ, biologisch determiniert und hierarchisch strukturiert. Anders als in anderen Bereichen findet hier keine ideologische Modernisierung statt: Die Kleinfamilie wird weiterhin als einzig ,natürliche‘ Grundlage der Gesellschaft verteidigt und alternative Familienformen werden konsequent abgelehnt oder als Ausdruck gesellschaftlichen Verfalls diffamiert. Allerdings stellt auch der Aufbau einer eigenen Familie eine Herausforderung für rechtsextreme Aktivist*innen dar. In den vergangenen Jahren wurde deutlich, dass einige führende Kader der Identitären nach der Gründung eigener Familien aus der Szene ausgeschieden sind. Daher suchen Identitäre Wege, Familie und Aktivismus miteinander zu vereinbaren – etwa durch moralischen Druck, Externalisierung innerer Widersprüche auf äußere Faktoren (z. B. hohe Kosten) oder Versuche, diese Herausforderungen aufzulösen.
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