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Von Erzeuropa zu Antieuropa

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Eine Lobeshymne auf die mitteleuropäische Toleranz anzustimmen war Kundera nur möglich, weil er den Holocaust unerwähnt ließ. Diese Lücke entband ihn von der Notwendigkeit, an den Antisemitismus der Polen, Ungarn und Slowaken zu erinnern. Nur dank dieses aktiven Vergessens konnte Mitteleuropa auf der internationalen Bühne das Psychodrama seiner Unschuld inszenieren. Doch in diesem Drama führt eine panische Angst vor der Wahrheit Regie. Um die Lüge aufrechtzuerhalten, muss man zu Willkür und Manipulation greifen – zu Gesetzen, die die Freiheit der Wissenschaft einschränken, zur Zensur der Kunst, zu Konzepten wie dem „präemptiven“ Antisemitismus,zum Vertuschen der Geschichte und zu den Fiktionen einer auf Kriegsreparationen abzielenden Geschichtsschreibung.

Eine weitere unbequeme Wahrheit steckt in der Geschichte der Demokratie in den mitteleuropäischen Ländern, die Kunderas Essay zufolge tief in den europäischen liberalen Traditionen verwurzelt seien. Indessen waren Polen und Ungarn in der zweiten Dekade der Zwischenkriegszeit autoritärer Staaten, die mit großen Schritten auf den Faschismus zusteuerten: Minderheiten gegenüber kam eine aggressive Assimilationspolitik zur Anwendung, schwerste Konflikte glaubte man durch Umstürze oder Hochsicherheitsgefängnisse zu lösen. Das bewusste Vergessen dieser „Traditionen“, ihre Ausblendung aus der eigenen Geschichtsschreibung führt dazu, dass die gegenwärtigen Staaten Mitteleuropas auf jene altbekannten Methoden zurückgreifen und sich dabei auf ihre – von Kundera verbürgerte – Ausnahmestellung berufen. Im Namen ihrer „wahren“ Europäizität streben sie in der EU nach einer Position der „maximalen Vorteile bei minimaler Verantwortung“.

Doch vollziehen sie damit eine Art separatistisches Harakiri auf Raten: 2015 verweigerten Polen und Ungarn gemeinsam die Aufnahme von 7000 Flüchtlingen aus Syrien, ab 2021 musste Polen täglich eine Strafe von einer Million Euro zahlen, da die PiS-Regierung sich weigerte, das bindende Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) umzusetzen. Dieser hatte entschieden, dass Polen die Arbeit seiner Disziplinarkammer einstellen müsse, da diese gravierend gegen die Unabhängigkeit der Justiz verstößt. Von 2022 bis 2024 hatten Polen und Ungarn wegen der Verletzung der Rechtsstaatlichkeitsstandards der EU keinen Zugriff auf Mittel aus dem Europäischen Wiederaufbaufonds.

Die dritte unbequeme Wahrheit hat ihre Wurzeln in der Wirtschaftsgeschichte. Man muss sich die Frage stellen, warum Kundera es nicht unternahm – was antisowjetisch und solidarisch zugleich gewesen wäre –, Mitteleuropa mit dem von der UdSSR kolonisierten Gebiet gleichzusetzen. Warum nahm er trotz seiner wiederkehrenden Verweise auf Sowjetrussland nicht Bezug auf die gemeinsame Erfahrung des Kommunismus und überging sowohl Rumänien, Albanien, die DDR und Bulgarien als auch den östlichen Rand Europas, also Litauen, Lettland, Estland, Belarus und die Ukraine?

Ganz offensichtlich war dies seiner Sicht auf den Kommunismus geschuldet. Für Kundera war der Kommunismus ausschließlich Unterdrückung – ein rein äußerlicher Druck, der zwar das Leben einschränkt und die Freiheit raubt, aber an der Wirtschaft, der Struktur der Gesellschaft und der kulturellen Praxis nichts ändert. Auf dieser Grundlage konnte er ein Bild von Staaten konstruieren, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg keine radikale Umgestaltung erforderlich gewesen wäre. Tatsächlich aber kämpften diese Staaten schon in der Zwischenkriegszeit mit ernsthaften Schwierigkeiten: In Polen und Ungarn (von Rumänien und Albanien ganz zu schweigen) hatten Überreste feudaler Strukturen überdauert, zwischen den städtischen Zentren und der Provinz herrschte gewaltige Ungleichheit der Entwicklung, es fehlte an gepflasterten Straßen und Brücken, die Industrialisierung war schwach, die Arbeitslosigkeit groß, das mittlere Bildungswesen nur den Eliten zugänglich, Analphabetismus war weit verbreitet, die Minderheitenpolitik wurde immer drakonischer und die Außenpolitik zunehmend irrational. Keines dieser Probleme kommt bei Kundera vor, und so konnte der Autor behaupten, der Kommunismus, verstanden als pure Gewalt, habe Mitteleuropa zwar unterjocht, doch dieses sei in seinem Kern unangetastet geblieben.

Anders als es Kundera darstellt, lag die Gemeinsamkeit der Staaten Mitteleuropas vor dem Krieg vor allem in ihrem Elend und ihrer zivilisatorischen Rückständigkeit. Hätte er diese Wahrheit anerkannt, dann hätte er Mitteleuropa nicht nur nicht mehr idealisieren können, sondern sich auch eingestehen müssen, dass Reformen in der Nachkriegszeit unabdingbar waren – wenn auch nicht unter sowjetischen Bajonetten.

Doch nach 1989 setzte sich Kunderas Sicht von den „Nationen“ Mitteleuropas als innerlich kohärenten und einheitlichen Gebilden durch, die eher bürgerlich als plebejisch, eher städtisch als ländlich geprägt seien. Das Ergebnis war, dass sowohl der Kommunismus als auch das Elend ausgeblendet wurden. Und mit dieser Haltung verband sich die Vorstellung, die unterschiedlichen Schichten und Gruppen innerhalb dieser Gesellschaften würden nach 1989 von derselben Position und unter identischen Bedingungen starteten. Die Folgen zeigten sich erst spät, sie begleiten uns jedoch bis heute in Form einer drastisch ungleichen Vermögensverteilung und zerbrochenen gesellschaftlichen Beziehungen. Das Einzige, womit man den neoliberalen Regierungen in diesen Ländern beikommen konnte, schien ein katholisch verbrämter Nationalismus zu sein – mit dem Ergebnis, dass Polen, die Slowakei und Ungarn heute in mehr oder weniger großer Nähe zum Faschismus oszillieren, den Viktor OrbaÌn euphemistisch „christlicher Nationalismus“ nennt.

Dies sollte uns zu denken geben: Alle vier Staaten in Kunderas Mitteleuropa traten nach 1989 in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte im Zeichen von Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte ein, doch unter nationalistisch-rechten Regierungen glitten drei von ihnen schnell in ein vordemokratisches Stadium zurück. Zudem genießen antieuropäische politische Gruppierungen, die unablässig die Notwendigkeit betonen, „die wahren europäischen Werte“ zu schützen, hier beträchtliche Unterstützung.
So sehen die Konsequenzen einer ungeprüft übernommenen Hypothese über Mitteleuropas Sonderstellung aus.

Die eigentliche Tragödie